Bericht: Wie sieht eigentlich so ein Arbeitstag als freier Lektor aus?
- Joshua Idstein
- 6. Aug. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Vor ein paar Wochen habe ich schon meinen Followern auf TikTok einen kleinen Einblick in den Arbeitsalltag als freier Lektor gegeben (so gut man das eben im Kurzformat und mit begrenztem Speicherplatz für Videoaufnahmen machen kann!). Die Frage nach dem „Alltag“ bekomme ich häufiger – und fühle dann immer einen ganz merkwürdigen Druck, möglichst umfassend und fast schon rechtfertigend zu antworten.
Denn die Wahrheit ist: einen typischen Arbeitstag gibt es in diesem Beruf nicht. Zum einen variiert das von Person zu Person – kaum ein Arbeitsfeld ist so heterogen wie das der Lektoren und Lektorinnen, und das gleiche gilt auch für unsere Arbeitsweisen – und zudem von Tag zu Tag.
Work-Life-Balance als Freelancer mit zweitem Standbein
Vorneweg – das Lektorieren ist für mich der beste Beruf der Welt. Trotzdem teilt sich dieser Beruf meine Zeit mit dem Privatleben, kleinen Arbeiten als Texter und einem ganz klassischen Nebenjob. Am Wochenende könnt ihr mich nämlich hinter der Theke eines örtlichen Cafés erspähen, wo ich mich einer gänzlich anderen Arbeit widme. Ich brauche den Ausgleich zur Sedimentation im Homeoffice.
Noch dazu ähnelt das freie Lektorat manchmal der Arbeit an einem Film: Da gilt auch „Hurry up and wait“, oder aber: Stress vor einer Deadline, gefolgt mit „Downtime“ zwischen einzelnen Aufträgen. Dann weicht die Routine des geflissentlichen Redigierens am Text der plötzlichen Strukturlosigkeit – damit tu ich mir immer besonders schwer. Doch auch dieser vermeintliche Leerlauf ist Arbeitszeit, die genutzt werden möchte. Dazu gleich mehr. Zunächst einmal stelle ich mich einem Gedankenexperiment: Wie sähe es denn aus, wenn ich mir einen perfekten Tag zusammenzimmern könnte?
Ein optimaler Arbeitstag könnte vielleicht so aussehen . . .
9 Uhr morgens, ich habe mich in aller Ruhe aus dem Bett gepellt, mit meiner Partnerin gefrühstückt und den ersten Kaffee getrunken. Gut gelaunt und voller Energie öffne ich mein Postfach – prüfe auf Mails von Autorinnen oder Verlagen, sortiere Spam aus, aktualisiere meine Social Media-Konten, schreibe eventuell noch eine Rechnung oder zwei, plane den Tag. Gegen 10 Uhr öffne ich Word – meinen es die Götter des Microsoft Office gut mit mir, erscheint ein Pop-up: "Arbeite dort weiter, wo du gestern aufgehört hast!"
Wunderbar – mit einem Klick bin ich zurück im Text, lese die letzte Seite noch mal durch, verinnerliche meine Kommentare vom Vortag und bringe mich zurück in den Flow, diese wunderbare Verbundenheit mit dem Text und dem Schreibstil einer anderen Person.
Dann vergeht die Zeit wie im Flug: pro Stunde schaffe ich in der Regel zwischen 5 und 15 Seiten, abhängig nicht nur von der Qualität des Textes, sondern auch davon, ob mir ungewöhnliche oder seltene Grammatik unterkommt, Fakten gegengecheckt oder Begriffe mit einer Liste abgeglichen werden müssen. Vielleicht hinterlasse ich einen längeren Kommentar, erläutere einen besonderen Eingriff oder mache mir eine Notiz, dem Auftraggeber im Feedbackdokument einen konkreten Ratschlag zu machen.
Meine Mittagspause lege ich mir in der Regel um 13 Uhr herum – mache einen Spaziergang, esse etwas, fülle Kaffee nach oder höre einen Podcast. Hauptsache Augen schonen, denn ein ganzer Tag am PC macht sich Abends schnell mit brennenden Netzhäuten bezahlt.
Merke ich, dass die Konzentration nachlässt, stelle ich die Bearbeitung für den Tag ein und widme mich anderen Tätigkeiten: Sei es ein kurzer Chat mit Kollegen oder Autoren, das Erstellen von Blogposts und Social Media-Beiträgen oder aber ein Blick auf das Newsportal des Börsenvereins.
Um 17 Uhr, spätestens um 18 Uhr, ist wohl kein Sprit mehr im Tank – ich lasse den Tag mit leichter Lektüre, Kochen, vielleicht einem Spieleabend mit meiner Partnerin oder beim Ausgehen mit Freunden ausklingen. Hauptsache weg vom Bildschirm und weg von allem, was viel Konzentration erfordert!
Optimal ist nicht gleich regulär
Und so schön könnte es sein – doch in der Realität sieht das gern mal anders aus. Da müssen Probelektorate kontrolliert, Feedbackdokumente konstruiert und Fortbildungen protokolliert werden. Neben den wenigen Stunden, die für Freizeitlektüre bleibt, möchte auch Fachliteratur verinnerlicht werden. Freies Lektorat heißt auch, sich mit teils abstrusen Sonderfällen der Sprache auseinanderzusetzen, Slang zu lernen (damit die Teenager im vorliegenden Gegenwartsroman nicht plötzlich wie um 2011 sprechen) und sich selbst zum Schreiberling auszubilden. In meinem Regal stehen Klassiker der Weltliteratur, die erlernt werden wollen, typische Abilektüre, um die ich mich damals im Leistungskurs geschummelt habe, und natürlich Ratgeber rund zum Autorendasein, Formatierung, Typografie, Dramaturgie, Figurenentwicklung, Genrekonventionen ... und immer häufiger auch Künstliche Intelligenz.
Die Zeit zwischen Aufträgen ist (im Bestfall) knapp bemessen. Trotzdem muss sie genutzt werden – lange auf seinen Lorbeeren ausruhen kann man nicht. Und das will man auch gar nicht – denn wie ich oben schon erwähnte, je länger die Downtime, desto schwerer, sich daraus wieder zu motivieren. Dass ich davor nicht gefeit bin, sieht man an der langen Pause bei meinem TikTok-Content, denn natürlich drücke ich mich als kamerascheue Person gerne davor.
Und wenn alles gut läuft . . .
... dann ist es auch wirklich gut. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, seitdem ich angefangen habe, als freier Lektor zu arbeiten, habe ich so einige schöne Erfahrung gemacht, bin ins Gespräch gekommen mit Autorinnen und Kollegen, online und auf der Buchmesse, vieles gelernt – von Dialektbegriffen, seltenen Idiomen bis hin zu handwerklichen Kniffs und Tricks in den verschiedenen Softwares – und habe meinen Namen in den ersten paar Impressen wiedergefunden.
Und das Wichtigste: ich habe eine nun zweistellige Zahl an Büchern bei ihrem Weg zur Veröffentlichung begleiten dürfen. Das ist schließlich der eigentliche Grund, warum ich als Lektor arbeite: um Teil zu sein bei der Entstehung neuer Geschichten, neuer literarischer Werke, und bei der Verwirklichung des Traums vom eigenen Buch.




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