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Wann ich einen Auftrag ablehne (und warum das nicht schlimm ist)

  • Autorenbild: Joshua Idstein
    Joshua Idstein
  • 2. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Es gibt diese Mails, über die ich mich besonders freue.


Betreff: „Mein Buch“. Jemand hat monatelang – manchmal jahrelang – an einem Text gearbeitet und fasst nun den Mut, ihn aus der Hand zu geben. Oft lese ich die ersten Zeilen beim Frühstückskaffee, manchmal abends, wenn es eigentlich schon zu spät ist, um „noch mal eben“ reinzuschauen.

Und dann gibt es diesen Moment, der selten ist, aber trotzdem dazugehört: Ich merke beim Lesen, dass ich diesen Text nicht lektorieren sollte. Nicht, weil er schlecht wäre. Nicht, weil das Projekt nicht genügend Potenzial hat. Sondern weil etwas nicht zusammenpasst – der Text ist noch nicht fertig, passt nicht zu meiner Arbeitsweise oder die Erwartungen an das Lektorat zu groß.

Eine Absage zu formulieren, fällt mir nie leicht. Denn ich weiß, wer auf der anderen Seite dieser Mail sitzt: Ein Mensch voller Hoffnung, Erwartung, manchmal auch Unsicherheit. Trotzdem sage ich in solchen Fällen „Nein“. Und genau darüber möchte ich hier schreiben – darüber, warum ich als freier Lektor auch mal einen Auftrag ablehne und warum das weder für mich noch für dich als Autor*in etwas Schlimmes ist.

 

Ablehnung tut weh. Muss sie aber nicht.


Als Autor*in ist man das ja vielleicht schon gewohnt. Verlage lehnen das Manuskript ungelesen ab oder antworten gar nicht. Agenturen sehen gerade keine Nachfrage am Markt für ein bestimmtes Genre. Immer wieder erhält man ein „Nein“. Die Entscheidung zum Self-Publishing ist nicht selten ein Befreiungsschlag. Wenn andere das Potenzial meiner Story nicht sehen, dann muss ich eben ihr stärkster Fürsprecher werden. Trotzdem erkennen die meisten Self-Publisher an, dass ein Lektorat sinnvoll oder sogar nötig ist, ehe man das eigene Buch einem breiten Publikum vorstellt.


Vom freien Lektor kann das „Nein“ gleich tiefer schneiden. Schließlich hat er nicht, wie etwa die Verlagslektorin, an das zukünftige Programm, die hauseigenen Autor*innen, Trends am Markt zu denken. Welcher Selbstständige lehnt schon einen womöglich gut bezahlten Auftrag ab? Das ist zumindest die Grundannahme.

Doch auch ein selbstständiger Lektor wie ich kann gute Gründe haben, zu einem Manuskript Nein zu sagen. Und das ist sogar in deinem Interesse.

 

Gründe für eine Ablehnung


Der Text braucht etwas anderes als ein Lektorat

 

Ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Ja, wir Lektor*innen nennen einen Text unter vier Augen manchmal „unlektorierbar“. Ein hartes Wort, das schnell nach einem Urteil klingt: zu schlecht, nicht rettbar, hoffnungslos. Doch genau das ist damit nicht gemeint.


In der Regel heißt es nur, dass ein Lektorat für diesen Text – in diesem Stadium – nicht das richtige Mittel ist. Und das ist keine Aussage über seine Qualität oder sein Potenzial. Ein Lektorat hat Grenzen: Es ist kein Reparaturbetrieb und kein Allheilmittel. Es kann keinen Unterbau ersetzen, der noch nicht steht.


Wenn Figuren, Plot oder Perspektive noch im Werden sind, kann ein Lektorat sogar zu früh kommen. Dann braucht der Text vielleicht erst weitere Überarbeitung, Abstand oder Feedback auf einer anderen Ebene. Nein zu sagen heißt in solchen Fällen nicht, den Text abzuschreiben – sondern ihm die Chance zu geben, sich weiterzuentwickeln, bevor ein professioneller Eingriff sinnvoll ist.


In diesem Fall hilft dir ein Schreibcoaching womöglich weiter. Oder eine ausführliche Analyse in Form eines Gutachtens. Die gute Nachricht: solche Dienste sind in der Regel viel günstiger als ein volles Lektorat – und zugeschnitten auf deine Bedürfnisse. Dann geht es zurück an die Werkbank (den Schreibtisch) – und du kannst gewiss sein, dass du nicht Unsummen ausgibst für ein Lektorat, was dir gerade (noch) nicht weiterhilft.


Haben mehr gemeinsam mit Büchern, als man auf den ersten Blick annehmen würde: Topfpflanzen.
Haben mehr gemeinsam mit Büchern, als man auf den ersten Blick annehmen würde: Topfpflanzen.

 

„Nicht meine Expertise“


Man kann nicht alles können, aber von vielem ein bisschen. Es schadet nicht, wenn man als freier Lektor ein „Jack of all Trades“ ist und sich an jedem Genre mal versucht hat. Trotzdem spezialisieren sich die allermeisten von uns auf eine Auswahl von Gattungen, in denen wir unsere Expertise sehen. Dann schärfen wir unser Wissen mit gezielten Fortbildungen und viel Übung. Die Kunst liegt darin, für neue Erfahrungen offen zu bleiben, aber auch der alten Weisheit zu vertrauen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

Mein Fokus liegt auf Belletristik, also der „schönen“ (Unterhaltungs-)Literatur. Ein Fachbuch über die Vulkaneifel wäre bei mir also nicht unbedingt gut aufgehoben. Der frische Blick eines Außenseiters kann zwar hilfreich sein, nicht aber, wenn dadurch Ungereimtheiten oder Fehler übersehen gehen. In solchen Fällen weise ich dich gerne auf mein Wissen und meine Blindspots hin und sage vielleicht auch „Nein.“

Aber: Zum Glück gibt es ja nicht nur mich! In unserem Berufsinteressenverband, dem Verband für Freie Lektorinnen und Lektoren, ist fast jede Fachrichtung, jedes Genre und jeder erdenkliche Lebensweg vertreten! Und falls ich dir nicht weiterhelfen kann, dann kann es sicher ein*e Kolleg*in!


Hier findest du genau die Richtige oder den Richtigen für dich: Das Lektoratsverzeichnis! (Klick auf das Bild für den Link!)
Hier findest du genau die Richtige oder den Richtigen für dich: Das Lektoratsverzeichnis! (Klick auf das Bild für den Link!)

 

Es passt also nicht – wie geht es nun weiter?


Nach dem „Nein“ kommt immer ein „… aber!“


Eine Absage bedeutet keine Funkstille. Wenn ich einen Auftrag ablehne, dann nehme ich mir trotzdem Zeit für eine ausführliche und respektvolle Rückmeldung. Denn ich weiß, wie viel in einer Anfrage steckt – und wie viel Mut es kostet, deinen Text einem Fremden anzuvertrauen.

In der Regel erkläre ich kurz, warum ich den Auftrag nicht annehme: ob es am Zeitpunkt liegt, an meinen Kapazitäten oder daran, dass der Text gerade etwas anderes braucht als ein Lektorat. Nicht als Urteil, sondern als Einordnung. So, dass du nachvollziehen kannst, woran es liegt – und wie der nächste sinnvolle Schritt lautet. Manchmal empfehle ich auch Kolleg*innen, deren Arbeitsweise oder Genre-Schwerpunkt besser zu deinem Manuskript passt.

Eine Absage soll dich nicht zurückwerfen, sondern dir als Orientierung dienen. Sie ist kein Ende, sondern – im besten Fall – eine kleine Wegmarke auf dem weiteren Weg deines Manuskripts.


Alternativen zu einem Lektorat


Vielleicht brauchst du noch etwas Abstand zu deinem Manuskript. Es ist immer ratsam, den ersten Entwurf eine Weile in der Schublade liegen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass du in der Zwischenzeit untätig sein musst! Schreibcoachings können dir helfen, deinen eigenen Stil weiter zu schärfen und Schwachstellen selbstständig zu identifizieren. Gutachten können gezielt dort ansetzen, wo der Schuh drückt. Eine Kollegin nannte das mal so treffend die  „Hilfe zur Selbsthilfe“.


Manche dieser Dienste biete ich übrigens auf Absprache auch gerne an. Denn als Lektor habe ich rein gar nichts davon, wenn du frustriert oder gar entmutigt aus dem ersten Kontakt gehst. Statt dir Steine in den Weg zu stellen, helfe ich dir, eine Straße zu pflastern.


Ich hoffe, du bist die Weg-Metapher noch nicht leid.
Ich hoffe, du bist die Weg-Metapher noch nicht leid.

Auf Dich zugeschnitten


Absagen gehört (leider) zu meiner Arbeit genauso dazu wie die Annahme eines Auftrags – und entsprechend ernst nehme ich sie. Mir ist wichtig, dass du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du mir dein Manuskript anvertraust.

 

Wenn ich zusage, dann immer erst nach einem Probelektorat und der Sichtung von Textstichproben. Und wenn ich absage, dann, weil ich überzeugt bin, dass dir und deinem Text damit besser gedient ist – und nie ohne weitere Vor- und Ratschläge!

Beides folgt derselben Haltung: Ich arbeite lieber an wenigen Projekten, dafür mit echter Sorgfalt. Dein Manuskript ist das Ergebnis unzähliger Stunden harter Arbeit und verdient, dass ich es ernst nehme. Auch dann, wenn das die Form eines „Neins“ nimmt.

 

Wenn du also überlegst, mir zu schreiben – mit einem fertigen Manuskript oder einem Text, der noch im Werden ist –, dann tu das gern. Eine Anfrage ist kein Versprechen, aber immer der Anfang eines ehrlichen Gesprächs.


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